
Scott "The Sartorialist" Schuman im Interview
Wenn “The Sartorialist” zum Gespräch lädt, folgen die Modebegeisterten. So erwarteten am 19. Mai über 100 Gäste mit Spannung Scott Schuman zur Blogger Convention im Wertheim Village. Im Rahmen der Chic Tour of Europe beehrte der weltbekannte Streetstyle-Blogger das Outlet-Center zwischen Frankfurt und Würzburg. Nach der Begrüßung durch die Vertreterin des Wertheim Village und einer kurzen Vorstellung des Star-Gasts wurden die Kameras gezückt – aber nicht die von Schuman. Zur Überraschung der Anwesenden durften sie sich selbst als Streetstyle-Fotografen versuchen.
Bewaffnet mit handlichen Digitalkameras machten auch wir uns also auf ins Shopping Village, um zwischen den verschiedenen Shops einen eigenen, inspirierenden Schnappschuss einzufangen. Vor den eleganten Geschäften und in den hübschen Straßen fanden wir nicht nur die ideale Kulisse, sondern auch die richtigen Modelle und konnten uns so in die für Scott Schuman so alltägliche Situation hineinversetzen.
Mit eigenen Erfahrungen als Streetstyle-Fotograf vorbereitet und gesättigt von leckeren Snacks von IMA erwarteten wir nun gespannt die Diskussion. Und schon bevor Moderatorin Uschka Pittroff “The Sartorialist” vorstellen konnte, gelang es dem charismatischen Amerikaner, das Publikum für sich zu gewinnen. In seiner charmanten Art tauschte er den eigentlich vorgesehenen Stuhl gegen einen für ihn bequemeren aus und sorgte für belustigtes Schmunzeln.

Die Gäste versuchten sich selbst als Streetstyle-Fotografen
Gleich zu Beginn sollte die vielleicht wichtigste Frage geklärt werden, die sowohl den Studenten der AMD als auch den Bloggern im Publikum auf dem Herzen lag: Was macht einen erfolgreichen Blog aus? “The Sartorialist” wird immerhin von bis zu 60.000 Menschen pro Tag besucht, die die einzigartigen Fotos von Scott Schuman lieben. Und in diesem Satz versteckt sich auch schon das Zauberwort: Einzigartigkeit. Der Fotograf rät dazu, so wie er es nach 15 Jahren in der Modebranche auch zu Beginn seines Blogs getan hat, sich eine eigene Marke aufzubauen, die man völlig verkörpern muss. Bei “The Sartorialist” steckt das Thema (sartorial: Kleider, Kleidung) schon im Namen.
Als “True, real, daily” fasst Scott Schuman die Grundsätze eines erfolgreichen Blogs zusammen. Für seine Arbeit spielen Trends keine Rolle. Auch wenn der Stil-Spezialist die Besuche der großen Fashion Shows genießt, sind ihm die daraus entstehenden, sich auf der Straße wiederholenden Trends eher lästig. Immerhin möchte er mit seinen Bildern inspirieren. Seine Fotos schießt er in seinem ganz eigenen “romantic way”, wie er sagt. Der Enthusiasmus für seine Arbeit ist während seinen Erzählungen hör- und sichtbar und lässt die Gäste spüren, dass er wirklich mit Leib und Seele “The Sartorialist” verkörpert. In seinem Blog gibt Scott Schuman nicht nur den Stil einer bestimmten Stadt wieder oder zeigt die perfekt gestylten Chefredakteurinnen der großen Magazine. Seine Bilder sind für ihn eine “two-way conversation”, die im Gespräch und Austausch zwischen Fotograf und Fotografiertem entsteht.

Scott Schuman und Uschka Petrov im Gespräch
Die aktuelle Situation der Mode-Blogs sieht der Schuman zwiegespalten. “Was die Anzahl angeht, ist der Markt durchaus gesättigt”, sagt er. “Was die Qualität betrifft, allerdings nicht.” Erneut verdeutlicht er, dass Einzigartigkeit von Nöten ist, um aus der Masse herauszustechen. Als Beispiel nennt er Tommy Ton, der zwar genauso wie er selbst Streetstyle-Fotograf ist, aber eine andere Perspektive einnimmt. Damit gehört Jak & Jil auch zu den wenigen Blogs, die “The Sartorialist” selbst verfolgt. Außerdem besucht er selbstverständlich regelmäßig die Seite seiner Lebensgefährtin Garance Doré, das Purple Diary von Olivier Zahm und den Ausnahme-Blog der Teenagerin Tavi.
Sogar eine der wohl am häufigsten diskutierten Fragen der Branche wird Scott Schuman vom Publikum gestellt: Ist Mode Kunst? Selbstverständlich hat er eine eindeutige Antwort parat. “Mode ist Handwerk und außerdem ein Geschäft. In der Kunst geht es um den Ausdruck”, erläutert er.
Gegen Ende der Diskussion berichtet “The Sartorialist” noch von seinen Anfängen als Streetstyle-Fotograf. Auf dem berüchtigten New Yorker Fischmarkt suchte er nach Motiven. Die Händler dort lebten aber häufig nicht nur vom Verkauf von Fisch, sondern verdienten sich als Mitglieder der Mafia den ein oder anderen Dollar dazu. Als gut gekleideter Fotograf blieb er in dieser Umgebung natürlich nicht unentdeckt und wurde sofort verdächtigt, ein Polizist und damit natürlich eine Bedrohung für die zwielichtigen Kerle zu sein. Sein Foto bekam er trotzdem und lernte daraus: “Wer einen kriminellen Fischhändler fotografieren kann, dem gelingt ein Foto mit jeder Fashionista auf der Welt.”

Andrang bei der Autogrammstunde
Zur anschließenden Autogrammstunde wollten alle Sartorialist-Fans ihre Ausgabe seines ersten Buchs unterzeichnen lassen und drängten zur Bühne – bis der gefragte Gast sich zielsicher den Weg zu einer unbekannten jungen Frau bahnte. Sofort erkannten alle Umstehenden: Sie ist es. Ihr prägnanter, aber nicht aufdringlicher Look mit kurzen Haaren und roter Jeans gewann die Aufmerksamkeit des Sartorialist. Das, was viele sich heimlich an diesem Tag erhofft hatten, ist ihr gelungen. Einem anderen Streetstyle-Fotografen wäre sie vielleicht nicht sofort aufgefallen. Ihm schon. Und damit hat Schuman nach all den Fragen und Antworten tatsächlich bewiesen, wovon er die ganze Zeit geredet hat: seine Einzigartigkeit, sein besonderer Blick, von dem sein Blog lebt. Wie das Bild der ausgewählten Dame, geschossen im beschaulichen Wertheim Village im Trubel der Blogger Convention, letztlich aussehen wird, wissen wir nicht. Soviel ist aber schon jetzt sicher: Es wird Teil der beeindruckenden und einzigartigen Arbeit des vielleicht einflussreichsten Streetstyle-Fotografen der Welt.
Text und Fotos: Katja Schweitzberger









Chris | 20-Mai-10 at 4:31 pm | Permalink
Ein Outlet-Center als Location ist schon eine etwas ungeschickte Wahl.